Der Blog über Kunst und Inspiration

Wie siehst denn du aus?

 

Wie siehst denn du aus?

 

 

Eine kleine Geschichte über Fantasie, das Leben und die Kunst

 

Bille schlenderte gern nach der Schule durch die Fußgängerzone. Sie guckte in die Schaufenster, ließ sich ablenken von den Erlebnissen in der Schule. In der Schule ärgerten sie die Mitschüler und Zuhause wartete schon die Mutter, die immer an ihr herumnörgelte.
 
Am liebsten schaute sie beim Laden mit Krimskram vorbei. Da gab es immer so bunte Sachen, die sie in eine andere Welt brachten. Draußen waren Körbe mit kleinen lustigen Dingen. Ein kleines rotes Fahrrad oder ein Glitzerflummi. Sie nahm die Gegenstände in die Hand, drehte sie, spürte ihre Oberfläche und legte sie wieder zurück. Während sie eine Glasmurmel aus ihrer Hand in einen Korb rollen ließ, ging sie schon weiter. Und … oops … schon stieß sie mit etwas zusammen.

Anja Hühn, Elzebradder, 2011, Acryl auf Pappe, 60 x 80 cm, ©Anja Huehn

Anja Hühn, Elzebradder, 2011, Acryl auf Pappe, 60 x 80 cm, ©Anja Huehn

Ihr Blick wanderte auf das, was ihr den Weg versperrte, und schon war der Satz draußen: „Wie siehst denn du aus?“ Schnell legte sie die Hand auf den Mund. Bille hörte schon den Satz ihrer Mutter, dass sie erst einmal innehalten und überlegen sollte, bevor sie ihre Gedanken einfach so rauspolterte. – „Wie soll ich denn aussehen?“ hörte Bille sagen. Sie war verblüfft. Wer hatte das gesagt? Vor ihr stand dieses Ungetüm, das irgendwie aussah wie ein Elefant und ein Zebra mit Hörnern. Das war eine Figur, ein Gegenstand, ein komisches Spielzeug. Sie legte vorsichtig die Hand auf das, was vor ihr stand und erschrak. Das war warm!
 
„Na hör mal! Ich fass dich doch auch nicht einfach so an. Wir kennen uns doch gar nicht“, sagte das, was vor Bille stand und sie anschaute. Bille drehte sich um. Sie wollte überprüfen, ob jemand das, was sie sah und hörte, auch sehen und hören konnte. Aber keiner interessierte sich für den eigentümlichen Laden. Mutig fand Bille ihre Sprache wieder: „Wer bist du?“ – „Ich bin ein Elzebradder.“ – „Ein was?“ – „Ein Elzebradder, oder wie ich so gern sage, ein El Zebradder. Eine Mischung aus Elefant, Zebra und Widder.“ – „Aber Widder haben runde Hörner.“ – „Widder können auch nicht sprechen.“ – „Stimmt.“ Und Bille musste grinsen. Der Elzebradder war einfallsreich und lustig. „Und wie ist dein Name? Was du bist, weiß ich ja jetzt.“ – „Du kannst mich El nennen. Und wo wir uns jetzt kennen, unternehmen wir doch etwas zusammen.“
 
Und bevor Bille antworten konnte, spürte sie wie der Rüssel sich um ihre Hüfte legte und sie auf den Rücken des Elzebradder gesetzt wurde. Und ab ging es durch die Menschenmenge zum nahe gelegenen Hafen. Bille fand es spannend, aufregend und beängstigend zugleich. Am Hafen hielt das Elzebradder an und Bille glitt von dem Rücken zurück auf ihre Beine. Sie wusste nicht, ob sie sich freuen oder wütend sein sollte. Aber auf alle Fälle war sie doch neugierig. „Wieso hat uns keiner gesehen, als wir durch die Menschen getrabt sind?“ fragte sie das Elzebradder. „Das ist leicht“, sagte El. „Das ist das Zebra in mir. Zebras sind Meister der Tarnung. Wir sind unsichtbar für unsere Gegner. Nur wenige können uns sehen.“ Bille beobachtete El. Mittlerweile war El ganz schön groß geworden. Kaum zu glauben, dass sie vorhin dort oben auf dem Rücken saß. „Ja, ich weiß“, sagte El „Der Elefant in mir hat so eine Wirkung. Wer mich kennt, der sieht mich immer größer. Das ist mein großes Herz und mein Gefühl.“ Bille schaute El an. Sie kannte El erst so kurz und schon war El wie ein Freund.
 
Nach dem Vorfall in der Fußgängerzone trafen sich Bille und El immer wieder. Einmal sogar bei ihrem Opa auf der Datsche. Es war so ein langweiliger Nachmittag bis El kam. Natürlich konnte der Opa El nicht sehen. Das mit dem Zebratrick war schon genial, fand Bille.
 
Und einmal war es vor Weihnachten in der Küche. Bille und ihre Mutter waren gerade dabei, Weihnachtsplätzchen zu backen. Bille liebte das. Es roch so wunderbar. Und der Teig … hmm … der war lecker. Ihre Mutter fand das gar nicht gut und sagte immer wieder, dass Bille nicht so viel naschen solle, dass sie ja noch Plätzchen backen wolle und dass Bille sicher gleich schlecht werden würde, mit dem vielen rohen Teig im Bauch. Billes Stimmung wurde immer schlechter, der Magen tat weh und ihr wurde schlecht. Ihrer Mutter hätte sie das aber nie gesagt, sonst hätte diese dann gleich wieder den Satz der Sätze ausgesprochen, den Bille nicht mehr hören konnte: ‚Habe ich dir doch gesagt‘.
 
Ihre Mutter ging zum Telefonieren aus der Küche und Bille setzte sich erst einmal auf den Boden.
Da kam das Elzebradder auf sie zu. Ganz winzig war es jetzt. „Was ist denn mit dir passiert?“ fragte Bille. „Ach nichts weiter. Ich war mich waschen und bin ein wenig eingelaufen.“ In Bille macht sich ein Glucksen in der Kehle breit und sie musste grinsen. „Wie, du warst doch nicht in der Waschmaschine, oder doch?“ -„Nein, davon wird mir immer schlecht. Dieses Schleudern. Nichts für mich. Ich war in der Waschstraße. Genial. Ich muss mich nicht einseifen, alles geht von allein und das kitzelt so herrlich überall.“ – „Und wieso bist du so klein geworden?“ – „Der Fön zum Schluss. Der ist manchmal so stark, dass mein Herz ganz klein gepustet wird. Aber das wächst ja wieder. Du weißt doch, der Elefant in mir.“ – „Na dann lass uns mal kurz nach draußen gehen, bevor du nicht mehr durch die Tür passt“ sprach Bille und ging mit El zur Hintertür raus.
 
Jahre später war der Kontakt zwischen Bille und El vollkommen unterbrochen. Aus Bille war jetzt eine technische Zeichnerin geworden. Das Zeichnen mochte sie und es hatte Sinn. Es gab die breiten und die schmalen Volllinien, die Strichlinien, die Freihandlinien und die Strichpunktlinien. Alles unterlag einer Ordnung, führte zu einer Zeichnung, die eine fein saubere Planung darstellte, die dann wiederum zur Anfertigung genutzt wurde. Ihre Tage glichen ihrem Beruf. Alles geplant, alles mit Sinn.
 
Irgendwann ließ sich Bille von ihrer Freundin Lea überreden, sie in eine Ausstellung zu begleiten. Bille mochte Ausstellungen nicht so gern. Zu viele Farben und zu viele für sie unsauber gearbeitete Bildflächen. Sie ging durch die Ausstellung, Lea hatte gerade jemanden getroffen und sprach über Kunst. Diesen Gesprächen ging Bille lieber aus dem Weg. Sie schlenderte allein zwischen den Bildern. Und plötzlich blieb Bille stehen. Ihre Mund öffnete sich … sie brachte jedoch kein Wort heraus. Da stand sie staunend vor einem Bild. Unsicher drehte sie sich um. Sie beobachtete, ob jemand das, was sie sah auch sehen konnte. Sie sah ungläubige Gesichter, Achselzucken und Kopfschütteln und hörte Sätze wie: ‚Was will uns der Künstler damit sagen?‘ – ‚Für solch eine Schmiererei bin ich doch nicht hierhergekommen!‘ – ‚Das Bild sagt mir gar nichts. Von wem ist das?‘
 
Die Leute sahen das, was sie sah. Bille ging auf das Bild zu. In Erinnerung hörte sie sich sagen: „Wie siehst denn du aus!“

Danke Anja Hühn

Über mich:
Fototextcollage (c) Heike Cybulski

Fototextcollage (c) Heike Cybulski

Hildegard Willenbring

Ich bin Kunsthistorikerin, Mentaltrainerin und Entspannungstrainerin. Weiterhin bezeichne ich mich als bekennende Betrachterin und Kunstliebhaberin. Texte über Kunst zu schreiben ist eine Leidenschaft von mir.

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