Der Blog über Kunst und Inspiration

Sehnsucht

Sehnsucht

Oder

Der Umgang mit der Kreativität

 

John Singer Sargent /1856-1925), Blick aus dem Fester, Genua, um 1911, Aquarell, [Public domain] via Wikimedia Commons

John Singer Sargent /1856-1925), Blick aus dem Fester, Genua, um 1911, Aquarell, [Public domain] via Wikimedia Commons

Neulich saß ich an meinem Schreibtisch und schaute aus dem Fenster. Ich muss dazu sagen, dass mein Schreibtisch unterhalb von einem Fenster steht und mir so ein Blick in das Anderswo offenbart. Das Anderswo ist die Sicht auf ein flaches Feld, das scheinbar einen See umrandet und sich in einem langen Horizont verliert. Sehnsucht wuchs in mir. Der Blick von einem Raum aus dem Fenster hinaus und der scheinbar unendliche, unbegrenzte Horizont sind zwei klassische Sehnsuchtsmotive in der Kunst. Kommt dann noch eine klare Vollmondnacht hinzu, bin ich mit Casper David Friedrich in der Landschaftsmalerei der Romantik. Klar, dass mir dieses malerische Ambiente gefällt. Die Vorstellung, diesen Ausblick immer wieder genießen zu können, war der Anlass diese Wohnung zu nehmen.

 

Tivi, meine Kreativität

Wie gesagt saß ich neulich an meinem Schreibtisch, blickte aus dem Fenster und Tivis Kopf tauchte plötzlich vor mir auf.

Tivi ist ein kleines Mädchen mit terrakottafarbenen Haaren und  meeresblauen Augen. Am liebsten trägt sie ihren olivgrünen Cordanzug mit einem T-Shirt, auf dem das Meer zu sehen ist. Ganz wichtig! Tivi spielt unheimlich gern, kann stundenlang mit Farben oder Gegenständen jonglieren. Ja wirklich, jonglieren. Sie ist auch überhaupt nicht auf den Mund gefallen. Sie kann reden ohne Punkt und Komma. Tivi fällt immer etwas ein, ist nie um Worte verlegen. Sie hat immer eine Antwort. Auf ihr farbenfrohes T-Shirt angesprochen und auf die Kombination mit dem olivgrünen Anzug, sagt sie sofort: „Was soll ich sonst anziehen. Meine Augen sind aus der gleichen Farbe gemacht wie das Meer, und meine Augen möchten immer das Meer sehen, auch wenn es weit weg ist, damit sie immer die Möglichkeit haben, in das Meer einzutauchen. Das ist wie nach Hause kommen.“

Wenn Sie glauben Tivi hat eine Stupsnase, muss ich Sie enttäuschen. Ihre Nase ist alles andere als stupsig. Ich habe sie mal darauf angesprochen, dass ihre Nase doch ziemlich groß sei, für so ein kleines Mädchen. Darauf hat sie mich ganz erschrocken angeguckt und ist dann einfach weggelaufen. Ich habe Tivi dann eine ganze Weile nicht mehr gesehen.

Irgendwann, ich ging gerade die Treppen hoch und dachte an Tivi, sah ich sie vor meiner Wohnungstür sitzen.

„Da bist du ja endlich“, hat sie zu mir gesagt. Ich habe mich riesig gefreut Tivi wiederzusehen. „Weißt du, ich habe darüber nachgedacht, was du das letzte Mal zu mir gesagt hast. Ich weiß jetzt warum ich so eine Nase brauche. Ich stecke doch meine Nase in alles. Das sagst du doch immer. Ja und mit meiner großen Nase geht das unheimlich gut!“ Und Tivi grinst mich an. Ich mag sie einfach.

 

Phillipp Otto Runge (1777-1810), Die Hülsenbeckschen Kinder, 1805–1806, Öl auf Leinwand, 131 × 141 cm, Hamburger Kunsthalle, [Public domain] via Wikimedia Commons

Phillipp Otto Runge (1777-1810), Die Hülsenbeckschen Kinder, 1805–1806, Öl auf Leinwand, 131 × 141 cm, Hamburger Kunsthalle, [Public domain] via Wikimedia Commons

Dann hat sie mir erzählt, was sie so erlebt hat. „Stell dir vor, es gibt da einen Ort, wo ganz viele von uns sind. Von uns ganz besonderen Kindern. Wir treffen uns immer wieder dort, wenn wir nicht bei dem Erwachsenen sind. Einige sind furchtbar unglücklich und erzählen, dass sie einfach von dem Erwachsenen nicht gesehen werden. Als der Erwachsene selbst noch ein Kind war, waren sie immer doch immer zusammen. Haben zusammen Laufen gelernt, die Welt erkundet, das Sprechen ausprobiert, das Ding mit dem Löffel-in-den-Mund-balancieren überstanden, das Schreiben in der Schule geübt und irgendwann, haben sie das besondere Kind nicht mehr gesehen. Verleugnen es sogar total. Ihr Erwachsenen seid schon komisch.“

 

Tivi sieht mich an und hat so diese kleine Falte zwischen den Augen. Im nächsten Moment grinst sie wieder. „Weißt du, da gibt es auch so eine Frau, an diesem besonderen Ort, die immer wieder mit jedem von uns ganz besonderen Kindern spricht. Mit ihr habe ich über unsere letzte Unterhaltung gesprochen. Wie wütend ich war, wie verletzt und mir schmollend vorgenommen habe, dich nie, nie, niemals wiederzusehen. Ich habe dann geweint und dich so vermisst. Die Frau hat sich das angehört und war ganz ruhig. Dann hat sie mich gefragt, ob das wirklich so sei oder ob mir einfach nichts eingefallen wäre, was ich dir hätte antworten könne. Aber, so sagte sie dann zu mir, ob ich denn nicht wisse, dass ich doch zu dir gehöre, dass ich doch ein Teil von dir sei, deine Kreativität. Ja, das hat sie gesagt. Du brauchst mich und ich dich.“ Sagt diesen Satz und kuschelt sich in meine Arme.

Ich habe meiner Kreativität einfach einen Namen gegeben: Tivi. Seitdem komme ich gut mit ihr klar.

 

Der Umgang mit der Kreativität

Ich schweife ab. Wie gesagt saß ich neulich an meinem Schreibtisch, blickte aus dem Fenster und Tivis Kopf tauchte plötzlich vor mir auf. Tivi kommt und geht und ist immer in Bewegung. So kletterte sie auch auf meinen Schreibtisch und mischte sich in das malerische Ambiente ein.

„Was machst du?“ – „Nachdenken!“ – „Ne, ne, ne, ne! Wenn du nachdenkst kochst du Marmelade oder gehst spazieren.“ – „Woher willst du das denn wissen?“ – „Ich wohne auch hier. Schon vergessen?“ – „O.k., ich gebe meiner Sehnsucht nach.“ – „Was meinst du damit?“ –  „Sehnsucht ist so ein tiefes Gefühl, das auf Erlebtes oder Vergangenes abzielt. Du vermisst etwas, was du schon mal gehabt hast, und verbindest es mit vielleicht Neuem, Unbekannten zu einem Möglichen. Am Ende des Jahres erwartest du das neue Jahr mit voller Hoffnung auf neue Möglichkeiten. Im Frühling ist der Gedanke an Sonne, Sommer und warme Tage so etwas oder eine neue Liebe, bei der alles besser wird. Sehnsucht kommt auf, wenn du den Zustand, in dem du dich befindest, irgendwie nicht magst und dich nach etwas anderem sehnst.“ – „Was magst du nicht?“ – „Wie meinst du das?“ – „Naja, wenn du sagst, du hängst in deiner Sehnsucht, dann gefällt dir doch was nicht. Oder magst du das Gefühl?“ – „So habe ich das noch nie gesehen.“ – „Wenn dir etwas nicht gefällt, dann ändere es doch!“ – „Dazu muss ich erst einmal herausfinden, was das ist.“ – „Au ja, ich helfe dir. Machen wir doch mal wieder etwas gemeinsam.“

Sagt das, klatscht in die Hände und strahlt mich an.

 

Fragen

Rudyard Kipling, Image from "The New Student's Reference Work", gemeinfrei via Wikimedia Commons

Rudyard Kipling, Image from „The New Student’s Reference Work“, gemeinfrei via Wikimedia Commons

Und schon bin ich raus aus diesem lethargischen Moment der Sehnsucht und voll aktiv in einer kreativen Problemlösung mit dem nächsten Schritt: Fragen. Albert Einstein und  Rudyard Kipling waren große Verfechter in Sachen Fragen. Ein  Zitat von Albert Einstein drückt dieses aus: „Wichtig ist, dass man nie aufhört zu fragen…“. Nach der Art und Weise der Fragestellung bei Rudyard Kipling entwickelte sich die Kipling-Methode. Kipling spricht von seinen Dienern und in einer freien Übersetzung wird daraus sinngemäß: „Ich habe 6 Diener. Ihre Namen sind  WAS und WO und WANN und WIE und WER und WARUM. Sie helfen mir und reisen für mich über Land und Meer nach Ost und Süd und West und Nord.“

 

Philosophisch gesehen kann auch in der Suche nach der Wahrheit selbst eine Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit und Unvergänglichkeit stehen. Aber, um mal mit Tivi zu sprechen:

 

„Probier’s mal mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit jagst du den Alltag und die Sorgen weg.Und wenn du stets gemütlich bist und etwas appetitlich ist, dann nimm es dir egal von welchem Fleck.“

Wo hat sie das wohl aufgeschnappt?

Über mich:
Fototextcollage (c) Heike Cybulski

Fototextcollage (c) Heike Cybulski

Hildegard Willenbring

Ich bin Kunsthistorikerin, Mentaltrainerin und Entspannungstrainerin. Weiterhin bezeichne ich mich als bekennende Betrachterin und Kunstliebhaberin. Texte über Kunst zu schreiben ist eine Leidenschaft von mir.

weiterlesen >>

Folgen Sie mir auf:
Facebooktwittergoogle_pluslinkedinyoutube
Blog via E-Mail abonnieren

Geben Sie Ihre E-Mail-Adresse an, um diesen Blog zu abonnieren und Benachrichtigungen über neue Beiträge via E-Mail zu erhalten.

Schließe dich 18 anderen Abonnenten an

Ressourcen

Buchempfehlungen >>       

Links >>