Der Blog über Kunst und Inspiration

Salvator Dalí und die Erinnerung

 

Die Beständigkeit der Erinnerung und die mentale Metaebene

 
 
Salvador Dalí verbinde ich oft mit meinem Leben oder anders, in meinem Leben denke ich immer mal wieder an Werke von Salvodor Dalí.
So z.B. die verlaufenden Uhren,  deutscher Titel: ‚Die Beständigkeit der Erinnerung‘ (auf Spanisch La persistencia de la memoria) von 1931 oder der Stummfilm ‚Ein andalusischer Hund‘ (Originaltitel: Un chien andalou),  der zum ersten Mal 1929 in Paris vorgeführt wurde. In dem Stummfilm  haben Luis Buñuel und Salvador Dalí ihre Träume verarbeitet. Über die Technik  des automatischen Schreibens haben sie ein Drehbuch verfasst, um die surrealen Bilder und Szenen in Zusammenhang zu bringen. Die Grundregel für diesen Film war, dem Irrationalen die Bühne zu überlassen und nur Bilder zu inszenieren, die verblüfften. Kein Raum sollte sich anbieten für rationale, psychologische oder kulturelle Erklärungen.  Zu Beginn des Filmes gibt es eine Szene, die ich mal folgendermaßen beschreibe: Ein Rasiermesser nähert sich dem Auge einer schönen Frau und schneidet hinein. Die Szene ist schwarz-weiß.

Der surreale Moment, in dem das Rasiermesser sich dem Auge der Frau nähert, die filmische Inszenierung und die Erinnerung daran haben mir einmal geholfen, die reale Situation einer Operation zu überstehen.  Die Operation des „Grauen Stars“ oder die Auswechslung der getrübten Linse durch eine künstliche Intraokularlinse gehört wohl zu den häufigsten ambulanten Operationen im Bereich der Augen. 90 Prozent der Starerkrankungen  sind altersbedingt. Ich gehörte nicht zu den 90 Prozent. Als kleines Kind war ich in einem Autounfall verwickelt und hatte anschließend meine erste Augenoperation. Im Erwachsenenalter erhielt ich irgendwann die Diagnose „Grauer Star“, nach ein paar Jahren waren die Farben weg und die Operation stand an.

Die OP-Vorbereitungen zielen darauf ab, das Auge bewegungsunfähig zu machen. Zusätzlich wird das Auge mit einer leichten Klammer offen gehalten. Die dissoziierte und routinierte Arbeitsweise des Klinikpersonals, die Krankenhausatmosphäre und der Ablauf der Lokalanästhesie in Form von Tiefspritzen-Anästhesie  führten dazu, dass mich mein Kindheitstrauma wieder einholte: die Angst, die Schutzlosigkeit, das Gefühl des Ausgeliefertseins, die Hilflosigkeit, das Alleinsein.

Mentale Metaebene

Arno Breker, Dali (1975). von Jos43 at nl.wikipedia (Transferred from nl.wikipedia) [CC BY-SA 2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)], vom Wikimedia Commons ohne Änderung übernommen

Arno Breker, Dali (1975). von Jos43 at nl.wikipedia (Transferred from nl.wikipedia) [CC BY-SA 2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)], vom Wikimedia Commons ohne Änderung übernommen

Das grelle OP-Licht, das in meinem Kopf explodierte, das Skalpell, das auf mich zukam … dann die Erinnerung an die filmische Sequenz aus Dalís Film. Ich war in einer Situation, in der ich mich selbst beruhigen musste. Mental. Eine Stärke oder besser ein Schutzfaktor, den ich mir angeeignet hatte. Paradoxerweise hat mir die Erinnerung an den ‚Andalusischen Hund‘ geholfen oder besser die Kameraeinstellung der besagten Szene, mich in eine mentale Metaebene zu heben, in eine übergeordnete Sichtweise. Von da an verfolgte ich die technischen Schritte der Operation wie in einem Film. Informationen, die ich mir im Vorfeld angelesen hatte, waren das Drehbuch. Meine Vorbereitung.

Ja, mein Auge und ich haben diese Episode überstanden. Ich habe auch an meinem Trauma gearbeitet. Ich habe Sätze gehört wie: „Wenn man wachsen und sich entwickeln will, muss eine gewisse Reibung mit dem Leben stattfinden. Schwierige Situationen und harsche Umgebungen machen einen stärker.“ Demnach bin ich wohl stärker geworden. Für mich ist dabei nicht ausschlaggebend, dass man Stärke mit Härte verbindet, sondern dass man sich selbst als Mensch treuer wird.

Als ich mir den Film noch einmal angeschaut habe, war ich überrascht, dass ich in meiner Erinnerung die filmische Kameraperspektive des herannahenden Messers mit meiner erfahrenen Perspektive  vertauscht hatte. Und wieder ein Bild von Dalí, die verlaufenden Uhren, oder besser ‚Die Beständigkeit der Erinnerung‘. Inspirationsquelle für dieses Bild war ein Camembert. Mein Auge ist nicht verlaufen, eher die Zeit, um mich von der Operation und deren Folgen zu heilen. Das Gemälde von Dalí ist mir seitdem sehr vertraut. Die Erinnerungen sind immer da. Sie kennen den Begriff Zeit oder Vergänglichkeit anscheinend nicht. Sie schmiegen sich wie eine zweite Haut an dich. Irgendwann stehen die Erinnerungen dann wieder mit allen Bildern und Empfindungen vor dir. Dann weißt du, dass du an ihnen arbeiten und deine Angst überwinden kannst.

Ich genieße jeden Moment, in dem ich bewusst die Farben um mich wahrnehme. Die Farben und ihre Wirkung auf mich. Dafür sage ich einfach mal Danke.

Über mich:
Fototextcollage (c) Heike Cybulski

Fototextcollage (c) Heike Cybulski

Hildegard Willenbring

Ich bin Kunsthistorikerin, Mentaltrainerin und Entspannungstrainerin. Weiterhin bezeichne ich mich als bekennende Betrachterin und Kunstliebhaberin. Texte über Kunst zu schreiben ist eine Leidenschaft von mir.

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