Der Blog über Kunst und Inspiration

Künstlerleben

 

Ein Künstlerleben. Ein Alptraum.

 
 
 
Heute Morgen bin ich aufgewacht und habe mich gefreut, dass das, was ich gerade erlebt hatte, nur ein Traum war. Ein Alptraum.

Schweißgebadet, aber froh, bin ich aufgestanden und habe genüsslich gefrühstückt und bin noch einmal kopfschüttelnd meinen Traum durchgegangen. Ich erzähle Ihnen jetzt meinen Traum:

Friedrich Geselschap (1835-1898), Zeichnung, Szene aus dem Künstlerleben: "Künstlers Elend" verso: Studie zu "Dante", 1853, Galerie Saxonia, Frieidrich Geselschap 117. (c) via commons.wikimedia.org gemeinfrei

Friedrich Geselschap (1835-1898), Zeichnung, Szene aus dem Künstlerleben: „Künstlers Elend“ verso: Studie zu „Dante“, 1853, Galerie Saxonia, Frieidrich Geselschap 117. (c) via commons.wikimedia.org gemeinfrei

 

Im Traum war ich ein Künstler, hatte ein Atelier und konnte malen. Ich ging durch die Straßen und man klopfte mir auf die Schulter. Ich hörte Sätze wie: „Ah, ein Künstler. Ja so ein Künstler hat es gut. So frei und ungebunden. Keine Verpflichtungen. Wie schön!“, „Ein Künstler ist ja so individuell und muss auf keinen Rücksicht nehmen.“ oder “Ein Künstler hat es gut. Er braucht nur sich und die Kunst.“ Ich begegnete einem Politiker, der zu mir sagte: „Ein Künstler! Ja wir brauchen diese Kreativität, diese Flexibilität. Das ist genau das, was unsere Wirtschaft braucht, damit es uns besser geht. Kommen Sie doch einmal zu mir.“ Ich fühlte mich so wohl und so bewundert.

Mir ging es richtig gut. – Dann meldete sich mein Magen. Ich hatte Hunger. Mein Kühlschrank war leer. Um mich lauter Bilder, die bewundert wurden. „Na, dann verkaufe ich doch einfach ein paar meiner Bilder und fülle meinen Kühlschrank.“, so dachte ich mir.

Ein paar meiner Bewunderer sprach ich an, doch ihre Antwort war ablehnend. Dafür wäre kein Geld da. Ich sollte doch mal professionelle Vermittler ansprechen. Ja ich ging so durch die Straßen und traf andere Künstler, die mir den Tipp gaben, doch einmal bei dem Verein anzufragen, wegen einer Ausstellung. Dann könne ich ja Bilder verkaufen. Also gesagt, getan.

Der Verein war hoch erfreut über meine Anfrage und gerne bereit, eine Ausstellung auszurichten. Ich müsse nur noch die Bilder herbringen, so ihre Bedingung. Aber wie sollte ich die Bilder in den Verein bringen? Ich hatte ja kein Geld. Die Antwort war: „Wir stellen schon die Wände zur Verfügung, wir richten die Vernissage aus, wir laden die Gäste und potentiellen Käufer ein. Sie müssen die Bilder schon bringen. Für Transportkosten haben wir keinen Etat.“ Dann lieh ich mir Geld mit der Aussicht auf den Verkauf meiner Bilder.

Die Vernissage begann. Es war eine gute Stimmung. Wein und Essen konnte man sich erwerben. Die Gäste griffen zu. Man schaute sich meine Bilder kurz an und sprach vor meinen Bildern über gemeinsame Bekannte, über die Kinder, über die Arbeit, über andere Ausstellungen. Man trank und aß. Man feierte sich selbst. Und ich? Ich blieb außen vor. Keiner gab mir ein Getränk und etwas zu essen. Keiner wollte ein Bild kaufen. Mein Magen krampfte sich zusammen.

Da erinnerte ich mich an den Politiker, der mich ja schon eingeladen hatte. Ich ging in sein Büro. Dort wartete ich, da er ja viel beschäftigt war. Ich wartete und wartete. Und mein Magen knurrte schon sehr laut in Erwartung von Essen, das ich mir von einem verkauften Bild holen könne. Ich wartete. Dann kam der Politiker. Er begrüßte mich hoch erfreut. Sprach von Kreativität, sprach von der Zukunft, sprach von der Bedeutung der Kunst und wie wichtig die Förderung der Kunst sei. Mein Magen zwang mich dazu, ihn zu unterbrechen. Ich bot ihm eines meiner Bilder an. Er schaute mich an, dann die Bilder. Eines gefiel ihm.

Dann machte er mir ein Angebot. Endlich, dachte ich. Er könne das Bild in seinem Büro aufhängen. Als Leihgabe natürlich. Er hätte viele Besucher und einer würde das Bild dann schon kaufen. Mein Magen zwickte. Ich schaute ihn sprachlos an.

Ich ging wieder durch die Straßen und traf wieder Künstler. Einer berichtete mir von einem Kurs mit dem Titel „Wie verkaufe ich Bilder?“ Bei diesem Kurs meldete ich mich an. Der Kurs wurde geführt von einer Dozentin, die einen besonderen Gast mitbrachte: Einen Galeristen.

Es wurde viel gesprochen. Der Galerist erzählte, wie erfolgreich er sei und wolle nun einen wohl gemeinten Rat uns Künstlern anvertrauen. Wir sollten zu seinen Vernissagen gehen. So ein volles Haus mache sich gut und wäre positiv für den Verkauf, sagte er. Wenn wir dann regelmäßig zu seinen Vernissagen erscheinen würden, würde er uns ansprechen und einmal unsere Bilder anschauen, um dann zu entscheiden, wen er in einer seiner nächsten Ausstellungen präsentieren wolle. In der Aussicht einem Profi zu gefallen und Bilder zu verkaufen, ging ich auf Vernissagen. Immer und immer wieder. Meine Kräfte schwanden, mein Magen zog sich schon chronisch zusammen, ich war verzweifelt und kannte nur noch  Hunger.

In meiner Not wagte ich mich auf einer Vernissage bei dem Galeristen vor. Ich sprach ihn an. Und aus dem galanten, sprachgewandten und kultivierten, erfolgreichen Galeristen wurde im Nu ein jähzorniger, aggressiver, giftiger, feuerspeiender Riesendrache, dessen überdimensionaler Kopf mit den blutunterlaufenden Augen sich zu mir herunterbeugte. „Du wagst es, du Nichts, mich anzusprechen.“ So dröhnte es zu mir. „Ich bin der Bestimmer. Ich entscheide, wenn oder ob  ich dich anspreche. Ich entscheide, ob das, was du machst, Kunst ist oder nicht. Ich entscheide. Ich bin gut in meinen Entscheidungen. Ich bin erfolgreich. Und wenn ich in den Schnee p….., und es mir gefällt, dann entscheide ich, dass das Kunst ist und verkaufe es. Du bist ein Nichts!“ Während er so brüllte wurde sein Kopf immer größer und aus den Ohren kam schon der Rauch. Und dann, dann holte er tief Luft und …..

Ja, da wachte ich auf. Schweißgebadet!

Über mich:
Fototextcollage (c) Heike Cybulski

Fototextcollage (c) Heike Cybulski

Hildegard Willenbring

Ich bin Kunsthistorikerin, Mentaltrainerin und Entspannungstrainerin. Weiterhin bezeichne ich mich als bekennende Betrachterin und Kunstliebhaberin. Texte über Kunst zu schreiben ist eine Leidenschaft von mir.

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