Der Blog über Kunst und Inspiration

Farbmomente

Farbmomente

oder

Wie ich die Welt erlebe

 
 

Alfred Sisley (1839-1899), Ufer der Seine im Herbst, 1879, Öl auf Leinwand, 46 x 65 cm, Public domain via Wikimedia Commons

Alfred Sisley (1839-1899), Ufer der Seine im Herbst, 1879, Öl auf Leinwand, 46 x 65 cm, Public domain via Wikimedia Commons

 

 

Hochnebelfront im November. Der Tag versucht  in einem Gemisch aus Grautönen die Welt zu erhellen. Die Farben sind nicht klar, verlieren sich im Nebelgrau, das sich langsam mit der Kälte durch die Haut in die Seele schleicht und mich abstumpfen lässt. Was kann ich dagegen tun? Ich denke an ein warmes wohlriechendes Bad und hoffe, dass dies meine Seele erwärmt.

Dann diese Frage: „Hast du Zeit und Lust, mich zu begleiten?“  Dieser Schubs. Einen Moment verharre ich noch bei den Gedanken an das Bad, doch dann entscheide ich mich „Ja“ zu sagen. Die Fahrt schon angereichert durch Erzählungen und angenehmer Atmosphäre, dann der Bummel. Die Frage „Kennst du schon …?“,  die Neugierde weckt. Schon knistert mein grauer Panzer. Ich lasse mich ein, auf die Welt. Befreie meine Sinne von dem umhüllenden Nebel.

Servietten mit einem Zitat von Oscar Wilde: „Versuchungen muss man nachgeben. Wer weiß, wann sie wiederkommen.“ Und schon erscheint ein Lächeln. Wie schön ist es, die kreative Energie zu spüren. Das Hereingehen in einen Laden und auf Entdeckungstour gehen.  Sich mitreißen lassen von den Ideen, die Produkte geworden sind. Dann ein Lachen, das sich aus mir löst, weil ich etwas für mich völlig Absurdes gesehen habe. Die Begegnung mit der Kreativität der anderen. Die Freude über die Verwirklichung von Neuem, so deutlich von der üblichen Norm Abweichendem. Klar, ich könnte auch hüpfen und in die Hände klatschen vor Freude darüber, dass Kreativität existiert, aber aus mir löst sich das Lachen. Gleichzeitig, ich habe es noch nicht bemerkt, ist der graue Novemberpanzer in Scherben zerbrochen.

Dann das eigentliche Ziel. Klar, als Begleiterin könnte ich einfach stehen bleiben und warten. Oder doch teilnehmen?

August Macke (1887-1914), Hutladen, 1914, Public domain via Wikimedia Commons

August Macke (1887-1914), Hutladen, 1914, Public domain via Wikimedia Commons

Es ist immer wieder der Moment, der Moment, in dem ich die Wahl habe. Ja oder nein. Ich entscheide mich für ja. Ja, ich will die Welt entdecken und stöbere ein wenig. Im Geschäft, entlang der Wände, sind die Kleidungsstücke in Farbnuancen sortiert. Innen wohltuende Geräumigkeit. Dann das Wahrnehmen. Diese große Zahl an Ideen mit Handwerk gepaart und in Produkte verwandelt. Die Stoffe spüren, die unterschiedlichen Schnitte sehen, den Materialmix auf sich wirken lassen und dann … diese Farbe: dunkles Kadmiumgelb mit einer Spur lichtem Ocker. Das Material Wolle mit Kaschmir. Es ist die Wärme der Erde mit dem Leuchten der Sonne. Ebenso wärmend wie leuchtend. Meine Seele, die diese Farbe ausgesucht hat, umschmeichelt mich. Versuche es! Und dann: Es zu tragen und diese Wärme zu spüren und dann einfach sich zu setzen und zu genießen und als Begleiter schon längst wissend, dass auch ich kaufen werde. Ein Lächeln breitet sich aus.

 

Danach noch die Einkehr in ein Café. Diese Stunden der entspannenden Momente krönen mit dem Aufwecken der letzen beiden Sinne. Schon der Eintritt in das Café lockt mit dem Duft von Gebäck und starkem Kaffee. Die Wahl: ein Latte macchiato und ein gedeckter Apfelkuchen. Und dann der Geschmack von fruchtig-herben Äpfeln des Spätsommers mit dem kraftvollen und wärmenden Zimt des Winters. Das ganze novembergesüßt. Herrlich.

Die Fahrt zurück. Ich werde aufgenommen von der schwarzen Stille der Nacht. In meinem Kopf die Gedanken an die schönen Stunden. Von irgendwo kommen dann noch leise die Zeilen eines Liedes:

„Memories,
Light the corners of my mind
Misty water-colored memories ….”

Über mich:
Fototextcollage (c) Heike Cybulski

Fototextcollage (c) Heike Cybulski

Hildegard Willenbring

Ich bin Kunsthistorikerin, Mentaltrainerin und Entspannungstrainerin. Weiterhin bezeichne ich mich als bekennende Betrachterin und Kunstliebhaberin. Texte über Kunst zu schreiben ist eine Leidenschaft von mir.

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