Der Blog über Kunst und Inspiration

Der Blick aufs Detail

Der Blick aufs Detail

Oder

Der Schlüssel zu einer neuen Sicht

 

Hieronymus Bosch (um 1450-1516), Detail aus "Garten der Lüste", Triptychon, entstanden zwischen 1480 und 1505, eine Figur, die ein Buch liest, rechts unten im Bild des linken Flügels „Das Paradies“, [Public domain], via Wikimedia Commons

Hieronymus Bosch (um 1450-1516), Detail aus „Garten der Lüste“, Triptychon, entstanden zwischen 1480 und 1505, eine Figur, die ein Buch liest, rechts unten im Bild des linken Flügels „Das Paradies“, [Public domain] via Wikimedia Commons

Was ich an Kunst so schätze, ist die Begegnung mit einer anderen Denkweise, einer anderen Zeit,  mit der Möglichkeit einer ruhigen Auseinandersetzung einer anderen Sicht. Der Blick aufs Detail.

Es ist für mich ein Vergnügen mit den Augen über ein Kunstwerk zu wandern,  figurativ oder abstrakt, die Komposition wahrzunehmen und die vielen Facetten zu erkennen, Linien mit ihren Richtungen, Formen, Farben, Farbverläufe, Kontraste und Pointierungen, Strukturen, Material und Verarbeitung , um dann in ersten Schritten den Künstler kennenzulernen, ohne ihn jemals gesehen zu haben. Das macht mich neugierig. Irgendwie steckt in einem  Kunstwerk immer auch der Künstler mit seiner Ansicht über das Thema, über das Leben, über die Welt. Erstaunt bin ich, wenn ich merke, dass der Blick aufs Detail mir eine neue Sichtweise ermöglicht.  Auf das Kunstwerk und auf die Welt. Manchmal entsteht so auch etwas Neues in mir.

 

Ein Beispiel aus der Kunst.

Hieronymus Bosch hat sehr viel Symbolik in sein Triptychon „Garten der Lüste“ gelegt. Das Rätselhafte ist das Wesen seiner Bilder. Hieronymus Bosch schafft es, durch seine Details den Betrachter an das Bild zu binden und die Distanz zwischen Bild und Betrachter aufzuheben. Stunden und Tage kann man sich dieses Bild anschauen und entdeckt immer wieder etwas Neues. Es sind immer wieder die kleinen Bilder im Bild, die eine Aussage in sich haben (Erschaffung von Eva, der Wechsel von Geburt, Tod und Wiederkehr, die Erotik, die Ironie der Paradiesvorstellungen, die Todsünden oder einzelne Charakterzüge), aber auch Details, die der Schlüssel zum Lesen dieses Bildes sind.

 

So befinden sich in den einzelnen Tafeln des Triptychons auf der rechten unteren Bildseite jeweils kleine Darstellungen, die dem Betrachter ermöglichen, Erfindung und Wirklichkeit gleichzeitig im Blick zu haben. Das Detail fast wie eine Signatur und wie ein Schlüssel einer neuen Sicht oder zur Klärung des Bildinhaltes beim Betrachter.

 

Bei Werken wie dem Triptychon von Hieronymus Bosch kann es für mich als Betrachter lange dauern bis sich mir der Bildinhalt aufschlüsselt. Das ist auch durchaus so gewollt. Für mich zeichnet sich dadurch eine Qualität aus: Immer wieder Neues entdecken.

 

Paul Gauguin (1848-1903), Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? , 1897, Öl auf Leinwand, 139,1 × 374,6 cm, Museum of Fine Arts, Boston, [Public domain] via Wikimedia Commons

Paul Gauguin (1848-1903), Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? , 1897, Öl auf Leinwand, 139,1 × 374,6 cm, Museum of Fine Arts, Boston, [Public domain] via Wikimedia Commons

Als Betrachter kann ich nur in einem Kunstwerk etwas Finden, wenn ich eine Offenheit mitbringe. Kennen Sie die flapsige Bemerkung:  „Was will uns der Künstler hiermit sagen?“  Diesen Satz habe ich schon einige Male gehört. Wird oft als erhoffter Lacherfolg eingesetzt. Jedes Mal denke ich dann lächelnd: „Ja! Die Kunst hat es wieder geschafft!“

 

Worüber ich mich dabei freue? Bei einer solchen Reaktion hat die Kunst es vermocht, den Betrachter aus seinem gewohnten Trott herauszureißen, und ihm ein Fragezeichen in das Gesicht geschrieben.

 

Ist das nicht erstaunlich? In einer Situation, in der uns Betrachtern die Möglichkeit gegeben wird, in aller Ruhe in die Vergangenheit, in Erinnerungen oder in Gefühle einzutauchen, stehen wir verblüfft da und weigern uns. Wir weigern uns, gewohnte Bahnen zu verlassen, und unsere Aufmerksamkeit erst einmal nur auf die Wahrnehmung zu richten. Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Gedankenverknüpfungen und eine eigene Aussage zum Kunstwerk finden. Dies ist der Dialog des Betrachters mit dem Kunstwerk. In der Kunst erhält jeder eine Offerte für einen Schlüssel zu einer neuen Sicht.

 

Über mich:
Fototextcollage (c) Heike Cybulski

Fototextcollage (c) Heike Cybulski

Hildegard Willenbring

Ich bin Kunsthistorikerin, Mentaltrainerin und Entspannungstrainerin. Weiterhin bezeichne ich mich als bekennende Betrachterin und Kunstliebhaberin. Texte über Kunst zu schreiben ist eine Leidenschaft von mir.

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